In einem Satz. Die BSI Technische Richtlinie TR-02102 definiert in vier Teilen die aktuellen kryptographischen Empfehlungen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik — Teil 1 (allgemeine Verfahren), Teil 2 (TLS), Teil 3 (IPsec) und Teil 4 (SSH) — und ist Referenzdokument für jede DSGVO-konforme Verschlüsselung in Deutschland.
TR-02102 wird jährlich aktualisiert. Wer Verschlüsselung im Sinne von DSGVO Artikel 32 nachweisen will, muss zu TR-02102-konformen Algorithmen und Schlüssellängen greifen — alles andere ist im Audit erklärungsbedürftig. Siehe DSGVO Artikel 32. Die jeweils aktuelle Fassung aller vier Teile veröffentlicht das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) kostenfrei als PDF.
Wichtige Punkte
- TR-02102 in vier Teilen: allgemeine Algorithmen, TLS, IPsec, SSH.
- Jährliche Aktualisierung, aktuelle Version 2026-01.
- AES-128 Mindestlänge, AES-256 empfohlen für langfristigen Schutz.
- RSA mindestens 3000 Bit (Empfehlung 2026), ECC ab 250 Bit Kurven.
- Post-Quanten-Übergang: erste hybride Verfahren ab 2025 empfohlen.
1. Aufbau der Technischen Richtlinie
| Teil | Titel | Anwendung |
|---|---|---|
| TR-02102-1 | Kryptographische Verfahren | Allgemeine Grundlage |
| TR-02102-2 | TLS | Webserver, Backends |
| TR-02102-3 | IPsec | VPNs, Site-to-Site |
| TR-02102-4 | SSH | Server-Administration |
2. Symmetrische Verschlüsselung
| Algorithmus | Schlüssellänge | Status |
|---|---|---|
| AES | 128, 192, 256 Bit | empfohlen |
| 3DES | 168 Bit | nicht mehr empfohlen |
| ChaCha20 | 256 Bit | empfohlen |
Betriebsmodi: GCM, CCM, OCB (authentisiert) — CBC nur mit MAC, ECB verboten.
3. Asymmetrische Verschlüsselung
| Verfahren | Mindestlänge 2026 | Empfehlung 2026+ |
|---|---|---|
| RSA | 2000 Bit | 3000 Bit |
| DH (klassisch) | 2000 Bit | 3000 Bit |
| ECDH | 224 Bit | 250 Bit |
| ECDSA | 224 Bit | 250 Bit |
Empfohlene Kurven: brainpoolP256r1, brainpoolP384r1, NIST P-256/P-384.
4. Hashfunktionen
| Algorithmus | Status |
|---|---|
| SHA-256, SHA-384, SHA-512 | empfohlen |
| SHA-3 (Keccak) | empfohlen |
| SHA-1 | nicht mehr empfohlen |
| MD5 | verboten |
5. Passwort-Hashing
Empfohlen: Argon2id, PBKDF2 (mindestens 100.000 Iterationen mit SHA-256), scrypt, bcrypt (mindestens cost factor 12).
MD5/SHA-1 für Passwort-Hashing inakzeptabel — typischer Pentest-Finding bei Legacy-Systemen. Wie Entwickler kryptographische Verfahren korrekt einsetzen, zeigt unser Secure-Coding-Leitfaden nach BSI.
6. TLS nach TR-02102-2
- Mindestversion: TLS 1.2
- Empfohlen: TLS 1.3
- Verboten: SSL 2.0, SSL 3.0, TLS 1.0, TLS 1.1
- Cipher Suites: nur Forward-Secrecy (ECDHE), AEAD-Modi
Empfohlene Cipher Suite Beispiele:
TLS_AES_256_GCM_SHA384(TLS 1.3)TLS_ECDHE_RSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384(TLS 1.2)
Die vollständige Server-Konfiguration behandelt unser Beitrag zu den BSI-Mindeststandards für TLS.
7. IPsec nach TR-02102-3
- IKEv2 verpflichtend, IKEv1 ausgeschlossen
- ESP mit AES-256-GCM
- DH-Gruppen 14 (2048 Bit) Minimum, 19/20/21 (ECC) empfohlen
- Pre-shared Keys mindestens 32 Zeichen, besser Zertifikate
8. SSH nach TR-02102-4
- SSHv2 verpflichtend, SSHv1 verboten
- Schlüsselaustausch: curve25519-sha256, ecdh-sha2-nistp256
- Server-Authentifizierung: ssh-ed25519, ecdsa-sha2-nistp256
- Cipher: aes256-gcm@openssh.com, chacha20-poly1305@openssh.com
- MAC: hmac-sha2-256, hmac-sha2-512
9. Post-Quanten-Kryptographie
Übergangsphase: BSI empfiehlt seit 2025 hybride Verfahren (klassisch + PQC) für langlebige Daten:
- Schlüsselkapselung: ML-KEM (CRYSTALS-Kyber, FIPS 203)
- Signaturen: ML-DSA (CRYSTALS-Dilithium, FIPS 204), SLH-DSA (SPHINCS+)
Für Daten mit Vertraulichkeitsanforderung über 2030 hinaus: schon heute hybrid implementieren.
10. TR-02102 und DSGVO Artikel 32
Artikel 32 nennt explizit “Verschlüsselung” als geeignete technisch-organisatorische Maßnahme — der Wortlaut steht in Art. 32 Abs. 1 lit. a des DSGVO-Volltextes auf EUR-Lex. TR-02102 ist die operative Konkretisierung — wer abweichende Algorithmen einsetzt, muss begründen warum. In Datenpannen-Verfahren prüft die Aufsicht, ob “Stand der Technik” eingehalten wurde.
Praktisch relevant ist das an einer konkreten Stelle: Art. 34 Abs. 3 lit. a DSGVO erlaubt, auf die Benachrichtigung betroffener Personen zu verzichten, wenn die betroffenen Daten durch Verschlüsselung “für Unbefugte nicht zugänglich” waren. Genau hier zahlt sich TR-02102-Konformität aus: Ein verlorener Laptop mit AES-256-verschlüsselter Festplatte nach aktueller TR-02102 ist ein anderer Fall als ein Gerät mit veralteter oder gar keiner Verschlüsselung. Die Aufsichtsbehörde akzeptiert die Verschlüsselung als “Schutzmaßnahme” nur, wenn der Algorithmus dem Stand der Technik entspricht — und TR-02102 ist in Deutschland der Maßstab dafür.
11. Praktische Umsetzung
Konkrete Schritte für IT-Verantwortliche:
- TLS-Konfiguration mit Mozilla SSL Configurator “Intermediate” (TR-02102-konform)
- SSH-Server härten gemäß TR-02102-4 (Ed25519, no PasswordAuth)
- RSA-Schlüssel <2000 Bit identifizieren und ersetzen
- Passwort-Hashing auf Argon2id migrieren
- Krypto-Inventar pflegen (welcher Algorithmus wo?)
Diese Schritte sind bewusst als Reihenfolge gedacht: Zuerst die Außenflächen (TLS, SSH), dann die ruhenden Daten, zuletzt die tiefer liegenden Verfahren. Wer alles gleichzeitig angeht, verliert den Überblick; wer priorisiert, schließt die risikoreichsten Lücken zuerst. Jede Abweichung von TR-02102 gehört mit Begründung und Übergangsfrist dokumentiert — das ist im Datenschutz-Audit der Unterschied zwischen “bewusste Risikoentscheidung” und “unbekanntes Versäumnis”. Die methodische Einbettung liefert die IT-Grundschutz-Methodik des BSI.
12. Krypto-Inventar aufbauen
Der häufigste Befund in Audits ist nicht “falscher Algorithmus”, sondern “niemand weiß, welcher Algorithmus wo läuft”. Ein belastbares Krypto-Inventar beantwortet für jede Verarbeitung im Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten fünf Fragen:
- Transportverschlüsselung — welche TLS-Version und welche Cipher Suites lassen Webserver, Mailserver, APIs und interne Dienste zu?
- Ruhende Daten — sind Datenbanken, Backups, mobile Endgeräte und Fileshares verschlüsselt, und mit welchem Verfahren?
- Schlüsselverwaltung — wo liegen die Schlüssel, wer hat Zugriff, wie werden sie rotiert?
- Passwörter — welches Hash-Verfahren (Argon2id? veraltetes MD5?) sichert Zugangsdaten?
- Signaturen und Zertifikate — Laufzeiten, Schlüssellängen, verwendete Kurven.
Dieses Inventar ist zugleich die Grundlage für die Krypto-Agilität: Wenn ein Verfahren gebrochen wird (wie seinerzeit SHA-1) oder Post-Quanten-Migration ansteht, muss man wissen, wo überall nachgezogen werden muss.
13. Der Post-Quanten-Übergang konkret
Die Bedrohung durch Quantencomputer ist für die meisten Organisationen keine akute, aber eine planbare. Das Risiko heißt “harvest now, decrypt later”: Angreifer speichern heute verschlüsselten Datenverkehr, um ihn zu entschlüsseln, sobald leistungsfähige Quantencomputer verfügbar sind. Für Daten mit langer Vertraulichkeitsanforderung (Gesundheitsakten, Verträge, Staatsgeheimnisse) ist das relevant. Konkret empfiehlt das BSI:
- Bestandsaufnahme: Welche Daten müssen über 2030 hinaus vertraulich bleiben?
- Hybride Verfahren: Für diese Daten klassische Kryptografie mit ML-KEM (FIPS 203) kombinieren — bricht eines der beiden Verfahren, schützt das andere.
- Krypto-Agilität herstellen: Systeme so bauen, dass Algorithmen austauschbar sind, statt hart verdrahtet.
Für gewöhnliche kurzlebige Daten (Session-Verschlüsselung ohne Langzeitrelevanz) besteht kein akuter Handlungsdruck — hier reicht es, die BSI-Empfehlungen zu verfolgen.
14. Tool-Unterstützung
Legiscope dokumentiert Krypto-Verfahren pro Verarbeitungstätigkeit und gleicht sie mit TR-02102 ab — Audit-Nachweis “Stand der Technik” auf Knopfdruck.
Fazit
TR-02102 ist die kürzeste Antwort auf “Was ist Stand der Technik der Kryptographie in Deutschland?”. Wer sie nutzt, hat im Audit, bei Datenpannen und vor Aufsichtsbehörden das stärkste denkbare Argument.
FAQ
Ist TR-02102 verpflichtend?
Für Bundesbehörden und KRITIS faktisch ja. Für andere ein anerkannter Referenzstandard für “Stand der Technik” (Art. 32 DSGVO).
Wann wird TR-02102 aktualisiert?
Jährlich, meist im Januar. Aktuell relevante Version: 2026-01. Veröffentlichung auf bsi.bund.de.
Was tun, wenn ein Lieferant TLS 1.1 nutzt?
Migrationsanforderung im Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) verankern, Übergangsfrist setzen, bei Verweigerung wechseln. TLS 1.1 ist seit 2020 inakzeptabel.
Reicht AES-128 oder muss AES-256?
AES-128 ist TR-02102-konform und langfristig sicher. AES-256 wird für “langfristigen Schutz” (>2030) empfohlen, vor allem wegen Post-Quanten.
Wie schnell muss ich auf Post-Quanten umsteigen?
Für langlebige Daten (>10 Jahre Vertraulichkeit) hybride Verfahren ab 2026. Reine PQC-Migration läuft bis ca. 2030.
Muss ich CBC-Cipher komplett abschalten?
Nach TR-02102-2 sind AEAD-Verfahren (GCM, CCM) klar vorzuziehen. CBC-Modi sind nur mit korrekt implementiertem MAC und ausschließlich unter TLS 1.2 tolerierbar; unter TLS 1.3 existieren sie ohnehin nicht mehr. In der Praxis: TLS 1.3 aktivieren, CBC unter TLS 1.2 nur belassen, wo Altsysteme es zwingend brauchen — und diese Ausnahme dokumentieren.
Ist TR-02102 auch für Nicht-Behörden verbindlich?
Rechtlich verpflichtend ist die Richtlinie nur für Bundesbehörden und teils KRITIS. Für alle anderen ist sie der anerkannte Referenzmaßstab für den “Stand der Technik” nach Art. 32 DSGVO. Wer davon abweicht, trägt im Streitfall die Begründungslast — deshalb ist TR-02102-Konformität die risikoärmste Wahl.
Wie prüfe ich meine TLS-Konfiguration schnell?
Ein externer Scan (z. B. mit gängigen Server-Test-Diensten) plus interner Abgleich mit einem TR-02102-konformen Profil zeigt Schwachstellen wie veraltete Protokolle oder schwache Cipher Suites innerhalb von Minuten. Die Mozilla-Konfigurationsstufe “Intermediate” ist ein brauchbarer, TR-02102-naher Ausgangspunkt.
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