In einem Satz. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen verarbeiten Gesundheitsdaten — die nach Art. 9 DSGVO besonders geschützten Daten — und müssen kumulativ § 22 BDSG, die ärztliche Schweigepflicht (§ 203 StGB), Krankenhausgesetze der Länder, das SGB V sowie das Patientendaten-Schutz-Gesetz (PDSG) einhalten.
Strafrechtliche Doppelrelevanz: Datenschutzverstoß ist nicht nur Bußgeld, sondern bei ärztlicher Schweigepflicht potenziell Straftat (§ 203 StGB, bis zu 1 Jahr Freiheitsstrafe). Aufsichtsbehörden im Gesundheitsbereich sind besonders aktiv — z.B. €105.000 LfDI Rheinland-Pfalz gegen Krankenhaus für Patientenverwechslung (2019), HmbBfDI gegen AOK Baden-Württemberg €1,24M (2020). Siehe BfDI.
Wichtige Punkte
- Gesundheitsdaten sind besondere Kategorien nach Art. 9 DSGVO — striktes Verbot mit Erlaubnisvorbehalt.
- § 22 BDSG erlaubt Verarbeitung u.a. für Gesundheitsvorsorge, Behandlung, Diagnostik.
- Ärztliche Schweigepflicht § 203 StGB ist strafbewehrt, geht über DSGVO hinaus.
- KIS-Auslagerung: AVV + § 203 Abs. 3 StGB Schweigepflichtverpflichtung erforderlich.
- ePA seit 2025 verpflichtend, Opt-out-System mit besonderen Schutzpflichten.
1. Rechtsgrundlagen für Patientendaten
| Verarbeitung | Rechtsgrundlage |
|---|---|
| Behandlungsvertrag | Art. 9 Abs. 2 lit. h + § 22 Abs. 1 Nr. 1 lit. b BDSG |
| Abrechnung mit Kasse | Art. 9 Abs. 2 lit. h + SGB V |
| Wissenschaftliche Forschung | Art. 9 Abs. 2 lit. j + § 27 BDSG |
| Qualitätssicherung | Art. 9 Abs. 2 lit. h + § 135a SGB V |
| Marketing | Art. 9 Abs. 2 lit. a (Einwilligung) |
Vorrang von SGB V Vorschriften (Lex specialis).
2. § 22 BDSG im Detail
Erlaubt Verarbeitung sensibler Daten u.a. für:
- Gesundheitsversorgung, Behandlung, Diagnostik
- Verwaltung von Gesundheitsdiensten
- Arbeitsmedizinische Beurteilung
- Öffentliches Interesse Gesundheit
Voraussetzung: angemessene Schutzmaßnahmen, insbesondere TOMs, Schweigepflichtbelehrung, Trennung von Verwaltungsdaten.
3. Ärztliche Schweigepflicht
§ 203 StGB schützt Geheimnisse, die Ärzten anvertraut wurden. Verstoß = Straftat, nicht nur Bußgeld. Strafmaß: bis 1 Jahr Freiheitsstrafe oder Geldstrafe.
§ 203 Abs. 3 StGB (seit 2017): Offenbarung an “mitwirkende Personen” zulässig, wenn diese verpflichtet werden. Wichtig für externe IT-Dienstleister.
4. KIS und IT-Auslagerung
Krankenhausinformationssysteme verarbeiten Diagnose-, Behandlungs-, Abrechnungsdaten. Auslagerungspflichten:
- AVV nach Art. 28 DSGVO
- Schweigepflichtverpflichtung nach § 203 Abs. 4 StGB für alle Mitarbeiter des Dienstleisters
- Pseudonymisierung wo möglich
- TOMs nach Art. 32 + § 22 BDSG
Siehe AVV-Muster und DSGVO Artikel 32.
5. Elektronische Patientenakte (ePA)
Seit 15.01.2025 für gesetzlich Versicherte verpflichtend (Opt-out). Besonderheiten:
- Gematik betreibt zentrale Telematikinfrastruktur
- Berechtigungsmanagement durch Patienten
- Krankenhaus-Pflicht: vollständige Befüllung
- Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA) verpflichtend
6. Datenpannen im Krankenhaus
Typische Vorfälle:
- Patientenverwechslung (Akten, Befunde)
- Ransomware (Lukaskrankenhaus Neuss 2016, UKD Düsseldorf 2020 mit Todesfolge)
- Fax-Fehlsendungen
- Verlust von Datenträgern
Meldepflicht: 72h an LDA/BfDI, ggf. Strafanzeige § 203 StGB.
7. DSFA-Pflicht
Nach Art. 35 DSGVO + DSFA-Muss-Liste (DSK): DSFA verpflichtend für:
- Krankenhausinformationssysteme
- ePA-Anbindung
- Telemedizin
- KI in der Diagnostik
- Patientenportale
Siehe DSFA.
8. Forschungsausnahmen (§ 27 BDSG)
Wissenschaftliche Forschung mit Patientendaten:
- Vorrang Pseudonymisierung
- Ethikkommissionsvotum
- ggf. Einwilligung (Broad Consent möglich)
- Veröffentlichung nur anonymisiert
9. Aufsichtsbehörden und Sanktionen
| Fall | Sanktion | Behörde |
|---|---|---|
| AOK Baden-Württemberg (Gewinnspiel) | €1,24M | HmbBfDI |
| Krankenhaus Rhein-Pfalz | €105.000 | LfDI RLP |
| Spital Lippstadt (ungeschützter Zugang) | €30.000 | LDI NRW |
| Bremer Krankenhaus | €40.000 | LfDI Bremen |
10. Patientenrechte
| Recht | Besonderheit |
|---|---|
| Auskunft (Art. 15) | volle Patientenakte, ggf. mit Erläuterung |
| Berichtigung (Art. 16) | medizinische Befunde nur ergänzend, nicht löschend |
| Löschung (Art. 17) | eingeschränkt — Aufbewahrungspflicht 10-30 Jahre |
| Einsichtsrecht | parallel § 630g BGB (Behandlungsvertrag) |
11. Aufbewahrungsfristen
| Dokument | Frist | Norm |
|---|---|---|
| Patientenakte allgemein | 10 Jahre | § 630f BGB |
| Röntgenaufzeichnungen | 10 Jahre | § 28 RöV |
| Strahlentherapie | 30 Jahre | § 85 StrlSchV |
| Kinder-Akten | bis 28. Lebensjahr | § 28 RöV |
12. Tool-Unterstützung
Legiscope bildet VVT, DSFA-Templates Gesundheitswesen, Schweigepflichtverpflichtungen für IT-Dienstleister und Aufbewahrungsfrist-Tracking ab.
Fazit
Im Gesundheitswesen ist DSGVO mit Strafrecht verzahnt. Wer § 203 StGB ignoriert, riskiert nicht nur Bußgeld, sondern persönliche Strafverfolgung der ärztlichen Leitung — Datenschutz ist hier kein Compliance-Beiwerk, sondern Existenzfrage.
FAQ
Darf ich Patientenakten in der Cloud speichern?
Ja, mit BSI-C5-zertifizierter EU-Cloud, AVV, Schweigepflichtverpflichtung der Anbieter-Mitarbeiter nach § 203 Abs. 4 StGB.
Wer ist Datenschutzbeauftragter im Krankenhaus?
Pflicht ab erster Verarbeitung sensibler Daten (i.d.R. immer). Häufig interner DSB plus externer Berater oder ausgelagerter DSB. Siehe Aufgaben DSB.
Wie ist die Schweigepflicht bei IT-Dienstleistern?
Nach § 203 Abs. 4 StGB sind sie schriftlich zu verpflichten. Verstoß: Strafbarkeit auch des Dienstleisters und des Arztes/Klinikleitung.
Welche Aufbewahrungsfrist gilt für die Patientenakte?
Regel 10 Jahre nach Behandlungsende (§ 630f BGB), Röntgen 10 Jahre, Strahlentherapie 30 Jahre, Kinder bis 28. Geburtstag.
Ist die ePA-Nutzung Pflicht?
Für gesetzliche Krankenkassen-Versicherte seit 15.01.2025 mit Opt-out. Krankenhäuser müssen ePA-fähig sein und Befunde bereitstellen.
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